Über Bewerten und Überbewerten

Ich habe es an verschiedenen Stellen ja bereits erwähnt: Das B:F-B-Blog verdankt seine Existenz meinen alten Qype-Beiträgen. Als kleinen Auffrischer für alle, die nicht wissen was Qype ist: Qype war ein Rezensions-Portal. D.h. alle Beiträge hier im Blog die so ungefähr auf 10/2013 datieren, sind in Wirklichkeit teilweise erheblich ältere Rezensionen aus meiner Qype-Zeit. Ganz genau! Alles Reszensionen – Bewertungen. Restaurants, Bars, Läden, Cafés, Supermärkte – ich hatte sogar einmal eine Rezension über einen Fußgänger-Übergang geschrieben (ok – das war damals ein Witz von mir).

Und auch nach einem Jahr als “freier Blogger” habe ich mich noch immer nicht ganz aus dieser Tradition lösen können. Ich bewerte noch immer. Nicht so wahllos wie zu meinen aktivenQype/Yelp-Zeiten – ich schreibe nur noch Gastro-Rezensionen – aber ich kann “es” einfach nicht lassen.

Tja – und kürzlich musste ich nun aus verschiedenen Gründen über das “Bewerten” an sich nachdenken…

Zunächstmal hatte Jacky mich vor Kurzem um einen Ausgehtipp für einen besonders netten Abend in Barcelona (s.Kommentare zu Semproniana) gebeten. Ich habe also erstmal ins Blog geschaut und dann nachgedacht, was mir sonst noch so einfällt. Von vier Vorschlägen die ich gemacht habe, stehen zwei nicht im Blog. Das hat mich irgendwie schon genervt – ich hätte wetten können, dass ich mal was über das Hotel La Florida und die Casa Fuster geschrieben habe. Tja – die Wette hätte ich wohl verloren. In der Casa Fuster war ich schon ein paarmal. Wie kommt es, dass ich die Bewertung trotzdem nicht geschrieben habe? Ich glaube daher, dass ich für besonders nette Restaurants auch besonders nette Rezensionen schreiben will – und nicht einfach nur “die Liste abhaken”. Und dann schiebe ich das vor mir her und schließlich schreibe ich nichts. Blöd.

A propos “Liste abhaken”: Mir ist aufgefallen, dass weder meine “Tipps” noch meine “Favorites” alle (BBBBB )-Kandidaten sind. Anscheinend gibt es für mich doch immernoch einen X-Faktor, oder? Wie bewerte ich eigentlich genau? Hm – also das ist eine Frage, die ich beantworten können sollte. Also ich meine jetzt nicht aus dem Stand – meine Bewertungen habe ich bisher mehr oder weniger “aus dem Bauch heraus” gemacht.

Aber – und das wusstet Ihr vllt noch nicht – Bonusmile ist ja Dipl.-Kfm. und mit dem Werkzeug der Nutzwertanalyse durchaus vertraut. Wenn ich also genau wissen will, wie ich bewerte, dann muss ich ja nur ein Entscheidungsmodell bauen und auf mich “justieren”. Ob das Modell dann stimmt, kann ich ja anhand meiner bisherigen Bewertungen überprüfen.

Klingt nach einem interessanten „Projekt“, also will ich’s mal versuchen.

Hier habe ich mal meinen Entscheidungsbaum gebaut, d.h. alle für mich relevanten Bewertungsfaktoren eines Restaurantbesuchs aufgelistet und gruppiert. Danach habe ich diese Kriterien entspechend meinem Gusto gewichtet (ist schließlich nicht alles gleich wichtig). Der erste Teil – also meine Kriterien zusammenzustellen – ist mir leicht gefallen. Das sieht dann so aus:

  • Essen
    • Präsentation
      • Vorspeise
      • Hauptspeise
      • Nachtisch
      • Zwischengänge
      • Aperetif/Digestif/Getränke
    • Zubereitung / Geschmack
      • Vorspeise
      • Hauptspeise
      • Nachtisch
      • Zwischengänge
      • Aperetif/Digestif/Getränke
    • Portionsgröße
      • Vorspeise
      • Hauptspeise
      • Nachtisch
      • Zwischengänge
      • Aperetif/Digestif/Getränke
    • Weinkarte/Getränkekarte
      • Regional angemessen
      • Auswahl/Vielfalt
      • Qualität
    • Speisekarte
      • Übersichtlichkeit
      • Saisonal angemessen
      • Regional angemessen
    • Kreativität (Gesamteindruck vom Essen)
  • Ambiente
    • Platz/Bewegungsfreiheit
    • Gemütlichkeit
    • Stil/Einrichtung
      • bequem
      • praktisch
    • Sauberkeit
  • Service
    • Höflichkeit
    • Verfügbarkeit/Aufmerksamkeit
    • Schnelligkeit
    • Kompetenz/Beratung
  • Infrastruktur
    • Erreichbarkeit
      • Öffis
      • Parkplatz
    • Toiletten
    • Reservierung
  • Abrechnung
    • Preis
    • Transparenz
    • Schnelligkeit
    • Karten

Jetzt musste ich “nur” noch die Kriterien gewichten. Das ist der eigentlich knifflige Teil, denn hier “justiert” man man das Entscheidungsmodell. An diese Punkt bin ich auf einige interessante Fragen gestoßen – denn man kann eben nicht einfach gewichten, addieren, fertig. Wie ist das z.B. wenn der Service lahmarschig, unverschämt und/oder inkompetent ist, der Rest aber sehr gut? Oder noch schlimmer: Supercoole Location, aber das Essen schmeckt nicht? Trotzdem hingehen? Und wie ist das mit dem Preis? Wenn die aufgerufenen Preise, die eines Gourmet-Tempels sind, das Essen aber eher einfach-gutbürgerlich ist. Verdirbt das den ganzen Abend? Oder umgekehrt: Wenn’s richtig billig ist – wieviele Kröten bin ich dafür bereit zu schlucken?

Im Zuge dieser Überlegungen habe ich einige Rahmenbedingungen für mich entdeckt, z.B. habe ich für mich entschieden, dass das Essen nie besser bewertet sein kann als sein Geschmack. Und dass ein Restaurant nie besser bewertet sein kann als sein Essen. Und wenn Essen, Service oder Ambiente inakzeptabel sind, dann ist das ganze Restaurant für mich inakzeptabel (genau: K.O.-Kriterien). Aber wie gesagt – das gilt nur für mich.

Ich habe in diesem Prozess auch wieder etwas über mich selber gelernt. Um die Geschichte etwas abzukürzen: Ich habe tatsächlich eine volle Nutzwertanalyse gebaut, die in der Tat meine eigenen Entscheidungs-/Bewertungsmechanismen recht gut simuliert.

Theoretisch muss ich also in Zukunft nur meinen kleinen Fragebogen in der Excel-Tabelle ausfüllen und die Nutzwertanalyse spuckt sofort aus wieviele “Bs” das Restaurant bekommt.

Falls übrigens jemand Interesse hat, der kann sich gern die Tabelle anschauen – ist ja keine Geheimsache (falls das mit dem Link auf die Tabelle nicht klappt, einfach Bescheid geben). Um sie zu benutzen müsstet Ihr eben nur das Modell “auf Euch justieren” (oder eben bewerten wie Bonusmile himself 😉 ), d.h. die Gewichtung für Euch anpassen (die Blätter sind geschützt, aber ohne Passwort). Und wozu das gut ist? Ganz ehrlich? Für nichts. Ich werde mir auch in Zukunft vorbehalten mein Werkzeug zu “überstimmen”. Aber man kann damit jetzt ganz objektiv urteilen, oder? Falsch! Sowohl die Bewertung der Einzelaspekte, als auch die Gewichtung und die Auswahl der Kriterien ist natürlich absolut subjektiv. Was man damit allerdings doch erreicht ist, dass Bewertungen damit transparent werden.

Übrigens beruhigt es mich irgendwie, dass meine “Shitlist” (die Liste der (B____ )-Lokationen) wirklich sehr kurz ist.

Ich habe mich allerdings gefragt, wieso ich überhaupt eine habe?! Warum erwähne ich Orte, die mir so total gegen den Strich gehen überhaupt? Warum beschränke ich mich nicht einfach auf echte Empfehlungen. So wie z.B. die New York Times – die vergibt nur ein bis vier Sterne. Ein Stern bedeutet “gut”, vier bedeuten “Ausserordentlich gut”. Schlechte Restaurants gibt’s da gar nicht. Das hat mir zu denken gegeben. Denn immerhin will ich mit meinen Bewertungen ja nicht so eine Art von “Rache” ausüben. Ich mache das, wie es Ruprecht Frieling in einem Interview mal sehr schön gesagt hat, aus Freude.

Übrigens – kleiner Exkurs – wie das aussieht, wenn mal auf beiden Seiten (Bewerter und Bewerteter) keine Freude vorhanden ist, das kann man hier sehen: Der Bewerter verkauft seine subjektive Meinung als Fakt und der Koch hat nicht nur ein genauso großes Ego – er ist auch noch ein Choleriker. Finde ich irgendwie witzig.

Aber anders herum – ist ein Kritiker nicht genau dazu da? Zum kritisieren? Für mich ist ein Kritiker (egal wofür – Restaurants, Theater, Wein, Hotels, Literatur…) wie ein Kompass. Von dem erwarte ich ja auch nicht, dass er immer in die Richtung zeigt, in die ich gerade gehen will. Ich erwarte, dass er immer in dieselbe Richtung zeigt. Dann nämlich kann ich mich daran orientieren – auch wenn ich die Kritiker-Meinung nicht teile.

Allerdings ist es m.E. nicht nötig, Verrisse zu schreiben. Schließlich will ich ja erreichen, dass Leute in die Restaurants gehen, die ich auch mag. Damit diese Restaurants gut laufen. Denn das ist, was ich ihnen wünsche. Sie verdienen es.

Leute mit Rezensionen vor Restaurants zu warnen – pfffff – B:F-B-Leser sind ja nicht dumm (was ihr ja schon bewiesen habt, indem ihr mein Blog überhaupt gefunden habt). Nein – das habe ich eigentlich nicht nötig. Ganz im Gegensatz zu Rezensions-Portalen (Tripadvisor, GoLocal, Yelp u.ä.). Wenn dort nur Empfehlungen veröffentlicht würden, wäre am Ende jedes Restaurant empfohlen von irgendwem.

Ich kann Euch übrigens verraten, wieso ich jetzt gerade auf die New York Times gekommen bin: Ich lese zur Zeit “Garlick and Sapphires – the secret life of a food critic” von Ruth Reichl. Ruth Reichl hat einige Jahre für die NYT als Restaurant-Kritikerin gearbeitet.

Ich bin noch nicht ganz durch, aber Reichl vollzieht im Laufe ihrer Tätigkeit einen Sinneswandel, im Laufe dessen sie sich innerlich zunehmend von ihrem Job distanziert.

…so weit bin ich aber noch nicht – keine Sorge. 🙂 Und Restaurant-Bewertungen sind ja auch nicht mein Job.

Ich werde hier im B:F-B-Blog was ändern. OK – die alten Postings sind eben wie sie sind, aber..

  1. in Zukunft werde ich versuchen mich bei “Verrissen” (ich habe ja zum Glück fast keine im Blog) zurückhalten. Mal sehen, ob ich das durchhalte…
  2. Ich habe mich entschieden, dass man Kochkunst schlecht bewerten kann, wenn man nicht selber wenigstens auch ein Bischen kochen kann. Aber B:F-B wird jetzt nicht das zweimillionste Food-Blog werden! Ich werde mir aber den ein oder anderen Exkurs erlauben. Denn Bonusmile kann nicht nur Spiegelei und Knackwurst!
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